Schweizer Autoren

Tabea Steiner
Balg
978-3-906907-19-2

Der Traum vom Familienidyll auf dem Land erweist sich für Antonia und Chris als trügerisch. Der Alltag mit Kind ist anstrengender als erwartet und zu den Gefühlen von Isolation und Überforderung gesellt sich eine zunehmende Entfremdung. Das Paar trennt sich und Antonia sorgt fortan alleine für Timon. Sie droht im tristen, von Armut geprägten Alltag unterzugehen und kümmert sich nur halbherzig um ihren Sohn. Timon wehrt sich immer verzweifelter gegen diese Vernachlässigung, doch niemand erkennt den Hilferuf. Einzig der ehemalige Lehrer Valentin findet Zugang zu dem Jungen. Zwischen den beiden wächst ein fragiles Vertrauen, das von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt wird.
In einem kunstvollen Spiel der Perspektiven beleuchtet Tabea Steiner eindrücklich die schleichende Eskalation zwischen Timon und Antonia sowie die zögerliche Annäherung zwischen Valentin und Timon. In kurzen Szenen werden subtile Entwicklungsschritte präzise eingefangen. Jedes gesagte Wort, jede Geste zählt und das Ungesagte wiegt schwer.

Eine eindrückliche Lektüre, die uns zeigt wie wichtig Empathie, Hinschauen und Zuhören für unser Zusammenleben sind.

Anna Felder
Quasi Heimweh
978-3-85791-883-4

Eine junge Lehrerin aus Italien kommt in den Aargau, um hier die Kinder italienischer Arbeitsmigranten in ihrer Muttersprache zu Unterrichten. Sie lebt zusammen mit ihrem Bruder in Aarau und reist von Schule zu Schule durch den ganzen Kanton. Die Icherzählerin bewegt sich zwischen den Sprachen und Kulturen, sie erzählt davon, wie sie die Sitten und Gebräuche im kalten Norden erlebt und wie die italienischen Arbeiterfamilien leben.
«Quasi Heimweh» von Anna Felder, selbst Tessinerin und seit vielen Jahren in Aarau heimisch, erschien 1970 – mitten in der Zeit der Schwarzenbach-Initiative. Nun wurde der Roman beim Limmat Verlag neu aufgelegt. Er zeichnet ein Sittengemälde der Deutschschweiz in den 1960er- und 70er-Jahre und besticht durch die Sprachkunst der Autorin. Ein literarischer Schatz dieses Bücherherbstes.

Ina Haller
Rüebliland
978-3-7408-0631-6

Samanthas Welt gerät ins Wanken, als sie nach Hause fährt und ihre Adoptiveltern ermordet auffindet. Kurz darauf wird sie von einer Inderin kontaktiert, die behauptet, ihre leibliche Schwester zu sein. Verzweifelt beginnt Samantha Nachforschungen anzustellen und entdeckt, dass die Unterlagen zu ihrer Adoption verschwunden sind. Ist der Grund für die Morde in ihrer Herkunft zu finden? Samantha begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit und nach ihren Wurzeln - und gerät dabei in den Fokus des Mörders...
Bei der sehr spannenden Aufklärung des Mordfalls führt der Weg von Lenzburg über Indien bis ins Baselland. Dass sich die Autorin in Lenzburg auskennt, merkt man an den gut beschriebenen Quartieren. Ein «Muss» für alle Haller-Fans und Lenzburger Krimi-Leser- und Leserinnen.

Simone Lappert
Der Sprung
978-3-257-07074-3

Eine junge Frau steht auf einem Dach und weigert sich herunterzukommen. Was geht in ihr vor? Will sie springen? Die Polizei riegelt das Gebäude ab, Schaulustige johlen, zücken ihre Handys. Der Freund der Frau, ihre Schwester, ein Polizist und sieben andere Menschen, die nah oder entfernt mit ihr zu tun haben, geraten aus dem Tritt. Sie fallen aus den Routinen ihres Alltags, verlieren den Halt - oder stürzen sich in eine nicht mehr für möglich gehaltene Freiheit.
Simone Lappert gelingt mit «Der Sprung» ein eindrücklicher Roman. Die Personen sind realistisch gezeichnet und geschickt miteinander verwoben. Die Handlung ist spannend und zwingt zum Nachdenken. Wie würde ich handeln als Schwester, Anwohner oder Passant?

Petra Ivanov
Entführung
978-3-293-00547-1

Der Täter ist gefasst, doch das Opfer bleibt verschwunden: Eine Studentin wurde entführt, bei der Polizei herrscht Ausnahmezustand. Sexualdelikt oder Terrorismus? Pal Palushi wird zum Strafverteidiger des Entführers ernannt und gerät zwischen die Fronten. Nur Ex-Polizistin Jasmin Meyer hält zu ihm. Sie findet eine tödliche Spur.
Ist ein Strafverteidiger, der Moslem ist wie der Angeklagte, tragbar? Wie beeinflusst die Entführung einer jungen Frau den Anwalt, wenn seine Freundin schon einmal dasselbe erlebt hat? Sehr spannend und vielschichtig wurden diese Themen miteinander verknüpft. Die Autorin zieht den Leser von Beginn bis zum Schluss in ihren Bann. Ein Lesevergnügen!

Alain Claude Sulzer
Unhaltbare Zustände
978-3-86971-194-2

Zwei Tage sind sie hinter Papier versteckt, dann werden die sieben großen Schaufenster feierlich enthüllt - und lassen die Waren des alteingesessenen Quatre Saisons in neuem Glanz erstrahlen. Für diese Momente lebt und arbeitet Schaufensterdekorateur Stettler, und das schon mehrere Jahrzehnte. Nun, mit knapp sechzig, wird ihm überraschend ein jüngerer Kollege zur Seite gestellt - Stettlers Welt beginnt zu bröckeln. Es ist das Jahr 1968, und es bröckelt auch sonst alles, die jungen Leute tragen Bluejeans und wissen nicht mehr, was sich gehört.
Der Autor beschreibt einfühlsam die persönliche Krise eines loyalen Angestellten, der ohne viele Worte aus seiner langjährigen Stelle gedrängt wird. Zur selben Zeit erlebt die Stadt Bern «Unhaltbare Zustände» durch Jugenddemos.

Werner Ryser
Geh, wilder Knochenmann!
978-3-305-00477-5

Der Roman erzählt die Geschichte dreier Emmentaler Geschwister, die früh ihre Eltern verlieren und damit auch ihr Zuhause, den Auenhof. Esther muss dem neuen Besitzer als Magd dienen, Jakob kommt zu einer Pflegefamilie, und der elfjährige Simon, der den Hof geerbt hätte, wird verdingt. Doch Simon lässt sich nicht brechen. Er träumt davon, dass er später einmal sein Glück in einem Land jenseits der Berge finden würde. Am 18. Mai 1866 bricht er zusammen mit seinem Bruder in Langnau auf in Richtung Georgien...
Wie von Werner Ryser gewohnt basiert der Roman auf historischen Tatsachen. Eindrücklich wird das Schicksal der drei Geschwister geschildert. Keine der Figuren lässt den Leser kalt, sei es, dass man sie ins Herz schliesst oder den Hass der Protagonisten auf ihre Peiniger teilt.

Eveline Hasler
Tochter des Geldes
978-3-312-01114-8

Als Eveline Hasler in den 80er-Jahren in die DDR reist, hört sie durch Irmtraud Morgner den Namen Mentona Moser zum ersten Mal. Aus unermesslich reichem Haus stammend, Sozialrevolutionärin und frühe Feministin, hat sie die europäische Welt des 20. Jahrhunderts bewegt - und wurde vergessen. Die Autorin spürt diesem Ausnahmeleben einer Unbeugsamen nach und zeichnet ein eindringliches, intimes Porträt.
Mentona ist eine interessante, starke Frau, die immer den schwierigeren Weg wählt. Eveline Hasler beschreibt den Werdegang der reichen Tochter zur verarmten Greisin in einer gleichzeitig einfühlsamen wie nüchternen Sprache.

Christine Brand
Blind
978-3-7645-0645-2

Nathaniel hört einen Schrei, dann bricht die Verbindung ab. Gerade noch telefonierte er mit einer Frau. Eine anonyme App verband die beiden, die Frau half Nathaniel dabei, das richtige Hemd zu wählen. Denn Nathaniel ist blind, doch der Schrei klang eindeutig. Was, wenn der Frau etwas angetan wurde? Er ist sich sicher: Es muss ein Verbrechen sein. Doch keiner glaubt ihm, es gibt keine Beweise, keine Spur. Gemeinsam mit einer Freundin, der Journalistin Milla, macht sich Nathaniel selbst auf die Suche nach der Wahrheit. Er ahnt nicht, dass er für die fremde Frau die einzige Chance sein könnte - oder ihr Untergang ...
Ein packender, rasanter Krimi. Die häufigen Szenenwechsel fesseln und lassen einen das Buch kaum aus der Hand legen. Da man als Leser immer einen Schritt voraus ist, leidet man mit den Protagonisten, weil sie der Lösung stets hinterherhinken. Die Erwartungen an das Krimidebüt der Schweizer Autorin wurden mehr als übertroffen. Ein Vergleich mit Petra Ivanov wäre durchaus berechtigt. Bleibt zu hoffen, dass der zweite Band nicht lange auf sich warten lässt.


Anna Stern
Wild wie die Wellen des Meeres
978-3-906195-81-0

Im Zentrum des Romans steht Ava, die der Enge der Beziehung mit Paul und der Kleinstadt, in der sie lebt, entfliehen möchte. Sie macht sich auf den Weg in die schottischen Highlands, um dort ein Praktikum auf einer Feldstation in einem Biosphärenreservat zu absolvieren. Während Ava in der Natur zu sich findet und ihre Vergangenheit hinter sich lassen will, bleibt Paul zurück in Rorschach und kämpft um ihre Liebe und eine gemeinsame Zukunft.
Mal rückwärts, mal vorwärts erzählt Anna Stern die Geschichte eines jungen Paares von ihrem vermeintlichen Ende hin zu ihren Anfängen. Sie legt damit einen beeindruckenden Text über den Umgang mit Trauer, die Unausweichlichkeit der Vergangenheit und die trügerische Authentizität von Erinnerungen vor. Mit einer nüchternen, fast wissenschaftlichen Sprache baut Anna Stern eine ganz eigene Atmosphäre auf, die nach und nach einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.


Usama Al Shahmani
In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
978-3-85791-859-9

Usama Al Shahmani steckt mitten im Asylverfahren, ohne Geld, ohne Arbeit, als in Bagdad sein Bruder Ali spurlos verschwindet. In den sicheren Süden wollte dieser nicht gehen, wenn er Bagdad verlassen soll, dann möge ihn Usama bitte herausholen aus dem Irak. Aber wie soll dieser die zweitausend Dollar für die Flucht nach Beirut aufbringen? Da kommt auch schon die Nachricht von dessen Verschwinden. Während Usama mit Ankommen mehr als beschäftigt ist, treffen laufend Nachrichten aus dem Irak ein. Diese persönliche Geschichte und ein im Exil entdecktes, neues Verhältnis zur Natur formt Usama Al Shahmani zu einem vielschichtigen Roman über den Spagat eines Lebens zwischen alter und neuer Heimat.
Al Shahmani erzählt von einem politisch vertriebenen Flüchtling, der durch Sprache und Arbeit versucht, sich in der neuen Heimat zu integrieren, während er sich gleichzeitig Sorgen um seine Familie im Irak macht. Im Wald oder auf Wanderungen in der Natur findet er wieder zur Ruhe. Vieles im Roman ist autobiografisch, doch der Autor hat sich auch künstlerische Freiheiten im Erzählen genommen.

Sophie Haemmerli-Marti
In Liebi und Fründschaft
978-3-03846-950-6

Diese zum 150. Geburtstag der Aargauer Autorin Sophie Haemmerli-Marti (1868-1942) erschienene Festschrift enthält eine Auswahl an Briefen, Gedichten und Lebenssprüchen. Biographische Texte thematisieren ihre Freundschaft mit Max Bircher, Heinrich Danioth, Carl Spitteler, Frank Wedekind sowie weiteren Zeitgenossen und beleuchten ihr Wirken in und um Lenzburg.
Das hübsche Büchlein zeigt die Bandbreite von Sophie Haemmerli-Martis Werk auf von heiteren Kindergedichten, melancholischen Reflexionen über die Liebe bis hin zum fortschrittlichen Denken dieser eindrücklichen Dichterin.

Lukas Linder
Der letzte meiner Art
978-3-0369-5785-2

"Der Letzte meiner Art" erzählt die Geschichte des jüngsten Sprosses einer altehrwürdigen Berner Familie. Alfred fühlt sich neben seiner starken, aber abgedrehten Mutter, seinem genialen Bruder und seinem umnachtet wirkenden Vater wie eine Karikatur. Trotzdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, seiner alteingesessenen Familie zu neuem Ruhm zu verhelfen. Ein Held möchte er werden. Dazu hat er verschiedene Möglichkeiten: Er könnte, wie sein Vorbild und Namensvetter, vierzig Franzosen erschlagen, einen Gesangswettbewerb gewinnen, oder, ja, ein Freiherr der Liebe werden! Doch zunächst ist Alfred nichts weiter als ein Realist, der sich selbst als die enttäuschende Pointe einer Geschichte sieht, deren größtes Vergehen darin besteht, viel zu lange gedauert zu haben.
Lukas Linder schreibt mit skurrilem und ziemlich schwarzem Humor über das alltägliche Scheitern. Bisher vor allem als Theaterautor tätig, legt er mit «Der letzte meiner Art» einen eigenwilligen und frischen Debütroman vor.

Gianna Molinari
Hier ist noch alles möglich
978-3-351-03739-0

Jeden Abend schaut die junge Nachtwächterin auf die Bilder der Überwachungskamera. Nichts regt sich - die Tage der Verpackungsfabrik sind gezählt, die meisten Mitarbeiter bereits gegangen. Als ein Wolf auf dem Gelände vermutet wird, entstehen Risse in der Gleichförmigkeit. Gibt es ihn tatsächlich? Wie gefährlich ist er? Die Nachtwächterin soll während ihrer Schichten eine Fallgrube ausheben. Je genauer sie der Spur des Wolfes folgt, je tiefer sie gräbt und je mehr Schichten sie abträgt, desto mehr Fragen drängen sich auf. Was etwa hat es mit dem Mann auf sich, der in der Nähe der Fabrik aus einem Flugzeug fiel? Und was mit der Bankräuberin, deren Phantombild dem Gesicht der Nachtwächterin so täuschend ähnlich sieht? Von allen Seiten versucht sie sich den Dingen zu nähern: erzählend, notierend, skizzierend, fotografierend.
Die erste Romanveröffentlichung von Gianna Molinari lässt aufhorchen. Sprachlich feine Bilder und zum Nachdenken anregende Fragmente prägen dieses literarisch spannende Debüt. Diese junge Schweizer Autorin gilt es im Auge zu behalten.